Sonntag, 15.12.2019 16:05 Uhr

Unternehmens-Insolvenz: Die geheimen Taktiken der Banken

Verantwortlicher Autor: UERembor Graz, 19.06.2015, 14:29 Uhr
Presse-Ressort von: Uwe Eugen Rembor Bericht 5155x gelesen
150 Sanierugnsexperten trafen sich auf dem Grazer Schlossber
150 Sanierugnsexperten trafen sich auf dem Grazer Schlossber  Bild: U.E.Rembor

Graz [ENA] Die Finanzierung von Unternehmen in der Krise stellt für alle Beteiligten –Unternehmen, Berater und Banken – eine besondere Herausforderung dar. Es soll Alles getan werden um eine Restrukturierung zu unterstützen und den Schaden für die Stakeholder gering zu halten.

Das 5. Grazer Forum Unternehmenssanierung das am Mittwoch dem 10. Juni auf dem Schlossberg Graz tagte, befasste sich mit den Fragen wie man frühzeitig drohende Insolvenz erkennt, wie bedrohten Unternehmen geholfen werden kann und welche Rolle Banken bei der Unternehmenssanierung spielen. Circa 150 Gäste, darunter so hochkarätige Redner wie Dr. Ralf Zeitlberger, Head of Group Corporate Workout der Erste Group Bank AG, diskutierten, netzwerkten und kooperierten. Eines der häufigsten Risiken ist das Überschreiten der 60 Tage Frist für den Insolvenzantrag, der im worst case Konkursverschleppung bedeuten, und den Geschäftsführer in ernsthafte Schwierigkeiten bringen kann.

Bereits ab einer rechnerischen Überschuldung und einer negativen Fortbestehens-Prognose tickt die Uhr und der Geschäftsführer hat 60 Tage Zeit, einen Insolvenzantrag zu stellen. Die Rechtsprechung verlangt, dass zu jedem Zeitpunkt mindestens 90 % der Verbindlichkeiten beglichen werden können, lediglich eine Unterdeckung von 5-10 % ist eigentlich zulässig. Streng genommen wäre damit der Großteil aller Unternehmen insolvent, denn langfristige Verbindlichkeiten und Anlagevermögen anstatt hohen Bargeldbeständen sind die unternehmerische Wirklichkeit. Auch der Verlust des halben Stammkapitals verpflichtet zum Insolvenzantrag.

. Tückisch hierbei ist die Tatsache dass man diesen Bilanzposten eventuell erst entdeckt wenn es zu spät ist – hier ist auch unterjährig zu prüfen wie hoch die Eigenkapitalquote aktuell steht! Aber auch wenn die Eigenkapitalquote unter 8 % gesunken ist, oder die fiktive Verschuldungsdauer länger als 15 Jahre beträgt, besteht Handlungspflicht für den Geschäftsführer, d.h. er muss Insolvenz anmelden. Tut er das nicht, haftet er mit bis zu€ 100.000.- (das gilt pro Geschäftsführer). Bei negativem Eigenkapital reicht übrigens die bloße Angabe dass keine Überschuldung im Sinne des Insolvenzrechtes vorliegt, nicht.

Alles bereit für die Netzwerker!

Es ist zu erläutern, WARUM KEINE insolvenzrechtlich Überschuldung vorliegen soll. Spätestens hier wird klar, dass selbst exzellente Geschäftsführer im Tretminenfeld von Insolvenz und Sanierung überfordert sein können und besser einen Experten zu Rate ziehen. Wer hat schon Routine in der Bewältigung von Insolvenzen und Sanierungen? Weitere Alarmsignale aus Sicht der Gerichte sind „handfeste Krisensymptome“ wie z.B. Verlust von Schlüssel-Stakeholdern wie Key Accounts, -Lieferanten, -Mitarbeitern, -Investoren, der Verlust von Vertretungen bei Handelsgesellschaften, der Wegfall einer Wettbewerbsführerschaft, das Auslaufen von Patenten etc.

Es ist daher für jedes Unternehmen wichtig, interne Kontrollsysteme zu etablieren (Business Dashboards, Monitors, KPIs) um jederzeit in Echtzeit über die Situation der Firma genau Bescheid zu wissen. Was ist eine Fortbestehens Prognose? Eine Fortbestehungsprognose ist eine realistische Einschätzung der künftigen Erträge und Aufwendungen. Dabei sollten die Kosten nicht unter- und die Umsätze nicht überschätzt werden und einer genauen Prüfung standhalten! Für eine positive Fortbestehens Prognose muss die Zahlungsfähigkeit und Lebensfähigkeit des Unternehmens mit zumindest überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen sein.

Eine tragfähige Fortbestehens Prognose die bei Banken und anderen Stakeholdern Unterstützung gewinnen soll, muss enthalten - Verlustursachen, und zwar offen und ehrlich - Darstellung von externen und internen Einfluss Faktoren - Strategisches Unternehmenskonzept - Erfolgsplanung - Liquiditätsplanung - Besonders natürlich die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit in der näheren Zukunft (6-18 Monate) in der sog. Primärprognose und im Zeitraum von 2-3 Jahren in der sog. Sekundärprognose - Gründe für erwartet Verbesserung der Ertragslage – ein optimistisch schöngerechneter Forecast und Beweisführung reicht nicht - Wareneinsatz in % - Personalkosten in % des Umsatzes, Personal-Fixkosten

- Wareneinsatz in % - Personalkosten in % des Umsatzes, Personal-Fixkosten - Art, Umfang und Auswirkung der in der Planung berücksichtigten Sanierungsmaßnahmen (z.B. Veräußerung von nicht betriebsnotwendigen Vermögen, Kostenreduktionen, Sozialpläne, gesellschaftsrechtliche Umstrukturierungen) - Zeitliche Prämissen - Zusätzlich zugeführte Finanzmittel - Zuführung von Gesellschaftermitteln - Auswirkungen von Rangrücktritts- und Patronatserklärungen Zum Thema Finanzierungen sollte man auch moderne, unorthodoxe Finanzierungsmöglichkeiten wie Crowd Funding oder andere Bürgerbeteiligungsmodell in Betracht ziehen.

So kann man als Unternehmen, ohne unter die Bankenkonzessionspflicht zu fallen, durchaus ein Angebot an mögliche Investoren machen wenn dieses nicht „öffentlich“ ist, d.h. wenn - Das Angebot an Großinvestoren ergeht und die Stückelung mindestens € 100.000.- beträgt - Der Gesamtwert des Angebotes unter € 250.000.-liegt - Das Angebot an weniger als 150 Personen geht (Achtung beim Veröffentlichen im Internet! Schnell ist hier die zulässige Adressatenzahl überschritten) Nach 12 Monaten kann man die Übung wiederholen und so mehrere Tranchen einsammeln. Dann entfällt auch die Prospektpflicht.

Darlehen und Beteiligungen fallen ohnehin nicht unter die Bankenkonzessionsgeschäfte und können von jedem Unternehmen als Finanzierungswerkzeug genutzt werden. Sollte Alles nichts nutzen und man bei einer rechnerischen Überschuldung die Liquidation (teilweise oder vollständige Realisation von Werten) einleiten, muss man sich (hier helfen meistens die Berater) die Frage stellen ob eine Gesamtverwertung oder eine Einzelverwertung des Vermögens mehr bringt. Einem sogenannten asset strip (Einzelverwertung) sollten der Goodwill und stille Reserven einer Gesamtverwertung gegenübergestellt werden. Auch die Zeitdauer einer Verwertung ist zu beachten, es nützt nichts wenn Werte vorhanden, aber erst sehr langfristig realisiert werden können.

Auch ist zu bedenken dass Wertansätze größtenteils auf Prognosen und Schätzungen basieren, der tatsächliche Wert aber immer der Preis ist, den jemand zu zahlen bereit ist! Andere bilanzpolitische Maßnahmen sind - Die Nutzung von Aktivierungsmaßnahmen - Auflösen von Rückstellungen - Sale & Lease Back - Ausgliederungen - Kapitalzufuhr - Forderungsverzichte - Umwandlung von Verbindlichkeiten in Hybrid- bzw. Mezzanine Kapital (Z.B. Genussrechte) - Rangrücktrittsvereinbarungen - Patronatserklärungen

Da es für Fortbestehens Prognosen keine gesetzliche Regelung gibt, sollte man unbedingt einen Restrukturierungsexperten als Berater heranziehen, denn das Risiko ist groß hier Schaden anzurichten oder sich haftbar zu machen, wenn man sich nicht hundertprozentig auskennt. Einen Unternehmensberater heranzuziehen, ist sogar gesetzlich vorgeschrieben! Nach einem Urteil des BGH vom 27.3.2012, IIZR 171/10 heißt es:

Verfügt der Geschäftsführer einer GmbH nicht über ausreichende persönliche Kenntnisse, die er für die Prüfung benötigt, ob er pflichtgemäß Insolvenzantrag stellen muss, hat er sich bei Anzeichen einer Krise der Gesellschaft unverzüglich unter umfassender Darstellung der Verhältnisse der Gesellschaft und Offenlegung der erforderlichen Unterlagen von einer unabhängigen, für die zu klärenden Fragestellungen fachlich qualifizierten Person beraten zu lassen. Übrigens liegt die alleinige Verantwortung und Verpflichtung für die rechtzeitige Beantragung der Insolvenz beim Geschäftsführer.

Weder Gesellschafter noch Aufsichtsrat sind hier in der Verantwortung, und selbst gegen die Weisung dieser Organe muss der Geschäftsführer einen Insolvenzantrag stellen wenn die Unternehmenslage und die Rechtsvorschriften dies verlangen. Auch die Fortführungsprognose bzw. der Sanierungsplan ist vom Geschäftsführer zu erstellen, bzw. muss von diesem beim Unternehmensberater in Auftrag gegeben werden. Übrigens können nicht nur Geschäftsführer Konkursantrag stellen, sondern auch Gläubiger.

Im knallharten Wettbewerb kommt es durchaus vor, dass ein Unternehmen beim Konkurrenten in einer schwierigen Phase, wenn Lieferanten nicht pünktlich bezahlt wurden und die Lieferung einstellen oder auf Vorkasse umstellen, als vermeintlich freundlicher Helfer einspringen und den Mitbewerber beliefern, um aus Berechnung so zum Gläubiger zu werden und sofort Insolvenzantrag zu stellen wenn der Wettbewerber nicht pünktlich zahlt weil er sich auf den guten Willen des vermeintlich freundlichen Mitbewerbers verlassen hat. Wie lange dauert eine Sanierung? Man darf sich nichts vormachen: Ein solider Turnaround dauert 2-3 Jahre. Während dieser Zeit ist das Unternehmen darauf angewiesen, dass die Banken mitspielen.

Wie aber funktionieren Banken eigentlich? Nach welchen Kriterien beurteilen sie Unternehmen? Wann verlängern sie eine Finanzierung und wann nicht? Dazu muss man zunächst einmal wissen dass die Ursachen der letzten, sehr lange anhaltenden Finanzkrise die Tatsache war, das zu viele Banken zu viel Geld an zu viel Kunden verliehen hatten, die dann nicht zurückzahlen konnten und einen Dominoeffekt ausgelöst haben. Logischerweise haben dann die Behörden vorgeschrieben, dass Banken nur noch an solche Menschen und Firmen Geld verleihen dürfen, die eine ausreichende Sicherheit und ein geringes Risiko darstellen.

Bei 130 in Europa überprüften Banken mussten insgesamt € 47,5 Mrd. Buchwertanpassungen vorgenommen werden. Auf gut Deutsch: Eine riesige Anzahl von Sicherheiten musste im Wert reduziert, eine gewaltige Summe komplett abgeschrieben werden. Wer also das nächste Mal auf die Banken schimpft, sollte sich fragen ob er selbst mit eigenem Geld bereit wäre ein Risiko zu tragen wie es die Banken übernehmen. Die Frage aller Fragen lautet natürlich: Wenn ein Unternehmen in die Schieflage geraten ist, was entscheidet darüber ob die Bank den Kredit verlängert oder neue dazu gibt, oder die Kredite fällig stellt und pfändet? Die Antwort ist ebenso logisch wie gleichzeitig unverdaulich:

Sind gute Sicherheiten da, wird die Bank vollstrecken, einfach um nicht zu riskieren dass auch noch die Sicherheiten durch Misswirtschaft verloren gehen. Sind keine Sicherheiten da, lässt man das Unternehmen schon mal weitermachen, weil das die einzige Chance ist, sein Geld irgendwann zurück zu bekommen. Allerdings gehört eine positive Fortbestehen Prognose immer noch zu den Grundvoraussetzungen. Aus Sicht der Banken gibt es eine Reihe von Frühwarnanzeichen die darauf hinweisen dass ein Unternehmen dabei ist, in die Schieflage zu rutschen. Dazu gehören.

- Überziehungen - Umsatzrückgänge - Öffentliche Negativinformationen (man sollte daher insbesondere auf sein Internet Profil achten) - KSV Rating - Managementwechsel (never change a winning Team, daher ist ein Wechsel oft ein Anzeichen dafür dass man mit dem bisherigen Management unzufrieden war, und das wäre man nicht wenn die Zahlen toll wären) - Fehlende Jahresabschlüsse (wer schlechte Zahlen vorweisen muss, verzögert und verschiebt dies gerne) - Schlechte Kundekommunikation (Erreichbarkeit, „keine Zeit“…) „Verstecken“ ist meistens auch ein Zeichen von Scham über ernsthafte Schwierigkeiten

Bei negativer Einschätzung wird eine Übergabe des Kunden and die Sanierungsabteilung angedacht. Sind Forderungen mehr als 90 Tage überfällig geht das Unternehmen ganz automatisch an die Sanierungsabteilung, gleich was die anderen Faktoren sagen. Sollte die Bank mitspielen wird sie innerhalb 18 Monaten neue Kreditvereinbarungen mit dem Unternehmen schließen. Hierbei sind zu unterscheiden materielle Maßnahmen (solche die die Bank Geld kosten), wie Forderungsverzicht, ein niedrigere Sanierungszinssatz, Zinsfreistellung oder Zinsverzicht, und nicht materielle Maßnahmen wie eine Laufzeitverlängerung, Ratenreduktion, Stundung oder eine Überbrückungsfinanzierung.

Danach wird das Unternehmen für 2 Jahre genau beobachtet, wenn es dann erneut in Schieflage gerät und seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, werden es von der Bank unwiderruflich Kredite fällig gestellt und Insolvenzantrag beantragt. Diese Vorgangsweise ist übrigens keine Entscheidung der Banken sondern ein Gesetz der europäischen Bankenaufsicht die verbindliche Standards für den Umgang mit solchen Fällen erlassen hat. Grundsätzlich bringt auch aus Bankensicht eine Sanierung i.d.R. höhere „Recoveries“, aber nicht immer ist diese Strategie aus Bankensicht zielführend oder überhaupt möglich.

Die Kooperation des Kunden ist von größter Bedeutung und doch scheitert es oft gerade daran, weil es Unternehmer nicht verstehen oder verstehen wollen dass Sie den guten Willen der Bank brauchen und in dieser Zeit mit einer Portion Demut agieren, einfach tun sollten was die Bank vorschreibt. Wer hier meint es besser zu wissen, schaufelt sich buchstäblich sein eigenes Grab, wie z.B. der Steirer Bauunternehmer dem die Bank ein Jahr lang einen Berater zur Seite stellte der jeden Monat Handlungsempfehlungen gab, die der Unternehmer nicht umsetzen wollte. Als das Unternehmens, welches im diesem Jahr noch sanierungsfähig gewesen wäre, dann endgültig jenseits aller Rettungsmöglichkeiten war, begann der Unternehmer Selbstmord.

Hätte der Unternehmer sofort und ohne zu diskutieren umgesetzt was der von der Bank zur Seite gestellte Berater empfohlen hat, wäre das Unternehmen nach 10 Monaten saniert gewesen, aber oft gehen der vermeintliche Verlust an Prestige (ein kleineres Dienstfahrzeug) der vermeintliche Verlust von an der Größe der Mitarbeiterzahl gemessenen eigenen Bedeutung (Auslagern und Verkleinern) oder die Einschränkung des Egos (die Ideen Anderer akzeptieren) über die emotionalen Möglichkeiten und jede betriebswirtschaftliche Vernunft der Geschäftsführer. Und doch ist es genau das, was die Bank fordert und was das Unternehmen wieder auf Kurs bringt:

Veränderung, denn wer nur weiterhin tut was er schon immer tat, der wird als Resultat nur ernten was er bereits bisher geerntet, und was ihn in Schwierigkeiten gebracht hat. Der Eigenbeitrag und die Kooperation des Unternehmers ist ein Schlüssel Kriterium nach dem jede Bank entscheiden muss. Außerdem legt die Bank Wert darauf dass der Kredit regelmäßig aus dem Betrieb rückführbar ist, und nicht etwa aus der Sicherheiten Verwertung!

Thema Sicherheiten: Für den bankeninternen Belehnwert gelten folgende Richtlinien (individuell je Bank, in % vom Schätzwert): - Gewerbeliegenschaften bis 60 % - Privatliegenschaften bis 80 % - Zessionen bis 40 % Das liegt daran dass bei Versteigerungen selten mehr als 50 % geboten werden, und zudem Provisionen, Marketing und andere veräußerungskosten dazu kommen, sowie natürlich die Zeit der damit beauftragten Verwerter und Berater.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.