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Moana und die toleranten Reptilien

Verantwortlicher Autor: Uwe Rembor Landau, 26.07.2015, 14:05 Uhr
Presse-Ressort von: Uwe Eugen Rembor Bericht 6511x gelesen
Regenguss im Tropenhaus
Regenguss im Tropenhaus  Bild: U.E.Rembor

Landau [ENA] Es gibt Menschen die muss man einfach bewundern. So wie den Maurer Wendelin Wünstel aus Landau in der Pfalz. Gerade 18 geworden, gründet er vor rund 20 Jahren eine Baufirma und nur 17 Jahre später gehören ihn bereits 20 Wohnungen. Danach beginnt er, sich einen Lebenstraum zu erfüllen.

Das Reptilium bietet die Möglichkeit für einen Tag Zoowärter zu spielen, und das war Grund genug, mich im Selbstversuch in eine Reportage über Wünstel‘s Reptilienzoo einzubringen. Früh um 8 geht es los. Ich suche den Personaleingang, finde die offene Tür der Futterküche und werde fröhlich von Moana begrüßt, der Tierpflege-Chefin. Sie erklärt mir was mich erwartet und schon bald erzählt sie über sich. „Ich bin gelernte Tierarzthelferin, dann habe ich 8 Jahre lange in verschiedenen Zoos rund um die Welt gearbeitet. Danach wollte mich aber keiner mehr einstellen, und ich sah damals nur halb so fürchterlich aus“, scherzt die extrem gepiercte, tätowierte und neonfarbige Rasta-Locken tragende Moana über sich selbst.

Dabei passt ihr gebildete Sprache, ihr perfektes Hochdeutsch und Ihr freundliches Wesen so gar nicht zu den Vorurteilen die man gegen Menschen mit extremem Körperschmuck hat. „Ich weiß genau dass ich viermal so freundlich, dreifach so flink und doppelt so kompetent sein muss wie Andere“ sagt sie. Und das ist sie auch. Kann ich bestätigen. Freundlich und geduldig wird sie mich den ganzen Tag lang anleiten und zwischendurch auch noch jede Menge Fotos von mir machen. Gott sei Dank sind Reptilen tolerant und kennen keine Vorurteile, ihre Kollegen und der Chef schon gleich gar nicht. Ein paar Zahlen: Auf 3400 qm warten mehr als 1100 Tiere aus 125 Arten auf mich.

Über 1100 Tier und 125 Arten

Darunter eine erschreckend große Anzahl von Riesenschlangen die von Hobby-Schlangenhaltern abgegeben wurden weil sie irgendwann zu groß oder zu lästig wurden, Minifrösche und Alligatoren sowie viele bemitleidenswerte Schildkröten die geschmuggelt und vom Zoll beschlagnahmt wurden. Sie alle finden hier ein neues, liebevolles Zuhause. Die Kosten eines solches Reptiliums sind gewaltig. Alleine Wasser, Strom und Heizung kosten ein Vermögen, dazu Futter und Personalkosten. Bei € 65.000.- liegen die monatlichen Fixkosten. Das heißt, erst bei mehr als € 65.000.- Einnahmen beginnt der Zoo überhaupt, Geld zu verdienen. Vorher geht Alles für die Kosten drauf.

Aus der Nähe erleben: Exoten in allen Farben und Formen

Wenn man jetzt bedenkt, dass während er Woche kaum jemand kommt und als Umsatztage eigentlich nur die Wochenenden und die Ferien bleiben, und man dann noch die Tage abzieht an denen es so heiß ist dass die Leute lieber baden gehen als in ein 40 Grad warmes Reptilium, dann versteht man was es heißt einen solchen Betrieb zu unterhalten. Ich bekomme einen Generalschlüssel der alle Gehege und Wärterstationen öffnet und komme mir unheimlich wichtig vor. Die erste Runde beginnt damit, alle Terrarien von Kot, Urin und Futterresten zu säubern. Peinlich genau achtet Moana dabei auf Hygiene, damit keine Kontamination stattfindet und eventuelle Erreger von einem Terrarium ins nächste gebracht werden.

Nach jedem Terrarium in das ich klettere, desinfiziert Sie meine Schuhe. Den exotisch anmutenden Namen Moana hat sie sich selbst ausgewählt. Er ist hawaiianisch und bedeutet „das tiefste blau des Meeres“. Sie ist halt ein Seelchen. Danach darf ich überall einen Tropischen Regenguss simulieren. Um Tiere, Pflanzen und Luft gut zu befeuchten, bekomme ich eine Frischwasserpumpe und einen Zerstäuber und darf auf Tiere und Pflanzen 10 Minuten herabregnen. Das ist erfrischend und macht Freude, denn die Tierchen suchen das kühle Nass und erwecken zum Leben. Die Chamäleon verfärben sich, die Frösche quaken fröhlich und die abperlenden Wassertropfen auf den Tieren sehen wunderschön aus, schillern in Regenbogenfarben.

Schildkröten, leider oft geschmuggelt und beschlagnahmt

Lustig ist es bei den Meerkatzen und des Äffchen, die greifen mir in die Haare und wollen spielen. Das ist herzig! Schildkröten mag ich auch, und auch mit Waranen, Leguanen, Echsen und Chamäleons habe ich meine Freude. Und dann kommt dieser Moment wo ich im Alligatorengehege fege. Plötzlich fühle ich mich beobachtet, drehe mich um und sehe dass „unser Kleiner“ (ich überlasse es Ihrer Phantasie was gestandene Tierpfleger bei Alligatoren unter „Klein“ verstehen) mir den Rückweg abschneidet und langsam, seiner Sache beunruhigend sicher, auf mich zu kriecht. „Moana! Muss ich mir Sorgen machen?“ „Ignorier ihn, wir haben ihn gestern erst gefüttert, steig‘ einfach drüber“. Das sagt die so!

Mit gegrätschten Beinen, meine empfindlichste Stelle einem Alligator-Gebiss offenbarend einfach drübersteigen ist ja jetzt nicht so mein Ding, aber ich habe keine andere Wahl. Uff, geschafft und ich fühle mich wie Indiana Jones oder James Bond im Live and Let Die. Zum routinierten Tierwärter fehlt mich noch Einiges! Auch schön: „Die sind nicht so giftig, macht nix wenn die ein paar Mal zustoßen“ – sagt sie, gerade als ich den Wassernapf zwischen den eng darum herum geringelten Schlangen holen will. Super. Als Held komme ich mir auch vor, als ich das Terrarium mit den Vogelspinnen und schwarzen Witwen aufschließe und mir darin zu schaffen machen, wo doch für alle sichtbar riesig auf dem Glas steht: „Vorsichtig Giftig!“

Die zweite Runde ist die Frischwasserrunde. Wieder achtet Moana penibel auf Hygiene, so darf ich z.B. die Schöpfkelle nirgends ablegen oder anlehnen, denn sie könnte Schmutz aufnehmen der anschließend beim Wasserschöpfen ins Trinkwasser gelangt. Nach diesem Durchgang ist Mittagspause, und in den € 180.- die dieses Erlebnis bei Jochen Schweizer gekostet hat, sind Speisen und Getränke enthalten so viel ich verzehren kann. Am Morgen habe ich bereits einen Becher erhalten und habe mir halbstündlich and er Zapfanlage Soft Drinks geholt – bei 38 Raum Raumtemperatur schwitzt mal schneller als man trinken kann. Zu Essen bestelle ich mir einen hervorragenden Flammkuchen den ich in dieser Qualität hier nicht erwartet hätte.

Nachdem wir Tierpfleger unser Futter bekommen haben, sind bei der dritten Runde die Tiere dran. Das ist der Teil wo viele Freiwillige aussteigen, denn tote Mäuse zerteilen oder lebende Insekten einfangen und verfüttern ist nicht jedermanns Sache. Aber auch etwas sensibleren Naturen bleiben ja die Vegetarier unter den Reptilien. Schildkröten, Erdmännchen und Leguane erhalten Obst und Salat, da kann jeder mithelfen. Mich faszinieren zunächst die in der Tiefkühltruhe gestapelten Packungen mit toten Mäusen und Ratten. Fein säuberlich und durchaus adrett aufgereiht wie Shrimps in einer Packung Tiefkühlkrabben liegen die extra für diesen Zweck als Futtertiere gezüchteten Vierbeiner.

Sie dienen hauptsächlich als Schlangenfutter und werden in warmem Wasser aufgetaut. Dann geht es in den „Lebendfutter-Raum“. Duzende Boxen aller Größen stehen da, und es herrscht ein Grillen, Zirpen, Rascheln und Ratschen. Alle möglichen Insekten, Heimchen, Heuschrecken und Mehlwürmer in allen Größen warten hier auf ihr Schicksal. Moana drückt mir zwei Plastikeimer in die Hand. Der Deckel hat in der Mitte ein kleines Loch. „Mach die mal so richtig prall voll. Mit Heuschrecken. Wenn Du die Boxen aufmachst pass auf dass sie nicht abhauen. Du kannst Sie mit der Hand fangen oder mit der Pinzette.“ Danke, ich nehm‘ dann mal lieber die Pinzette.

Und das Teil ist nicht etwa eine Pinzette wie wir sie aus dem Erste Hilfe Kasten oder vom Briefmarkensammeln kennen, sondern ein Teil so lang wie mein Unterarm. Moana sagt, dieser Teil dauert am längsten. Klar. Wer schon mal versucht hat, lebende Insekten im Flug mit einer Pinzette zu fangen, weiß warum. Uuh, meinen Arm in einer Kiste voller Heuschrecken versenken, jetzt weiß ich warum in Indiana Jones Filme diese Sequenz als Horrorszenario gilt. Dieses Gewusel, Gebrabbel und Geraschel sind nichts für schwache Gemüter. Das knirschende Geräusch wenn ich eine Heuschrecke mit der Pinzette greife und fest zudrücke, ist mehr als unangenehm.

„Die spüren nichts, die haben kein Gehirn und kein zentrales Nervensystem“ beruhigt mich Moana, die mir meine Gedanken wohl ansieht. Ich will das mal glauben und hoffe sie hat Recht, verdränge jeden Gedanken an die Kreatur die da gerade der Nahrungskette geopfert wird. Als ich die Insekten durch das kleine Loch im Deckel stopfe brechen Flügel, Beine und Körper. Ich fühle mich nicht wohl. Andererseits denke ich mir, wenn ich es nicht mache dann macht es jemand anderes und in der Natur geht es auch nicht zimperlich zu. Irgendwann sind die beiden Eimer voll. Jetzt wird gefüttert. Mit der Pinzette halte ich Echsen, Schlangen und einem Baby-Alligator die lebende Beute vors Maul.

Immer wieder erschrecke ich, als die Schlangen und der Alligator überraschend und blitzschnell vorstoßen, verdammt nahe an meinen Fingern, da kann die Pinzette gar nicht lang genug sein. Hinterher noch ein paar tote Mäuse ins Gehege und weiter. Da bin ich beim Salat und Obst verteilen schon deutlich entspannter. Tierwärter sein ist schweißtreibende, anstrengende Arbeit die mit mitleidslosen € 1300.- - € 1800.- brutto im Monat vergütet wird. Nichts für Weicheier sondern nur was für Tierliebhaber die den Knochenjob aus Liebe machen. Es ist nicht wie in den TV Sendungen, wo die Wärter dauernd mit Tieren spielen oder sie zu Hause mit der Flasche aufziehen.

95 % sind harte Knochenarbeit, aber die restlichen 5 %, für die macht hier jeder den Job. Zum Abschluss erhalte ich noch eine Urkunde und ein Foto, ich bei den Waranen deren Zunge ich überall spüre weil sie mich für Futter halten und ab-checken. Ich bin ich um einige Erfahrungen reicher, und habe einen gewaltigen Respekt vor Moana und allen Tierpflegern gewonnen. Den Job kann, den Job will nicht jeder machen. Ich bin dankbar mein Geld auf leichtere Weise verdienen zu können und fahre erschöpft aber glücklich nach Hause. PS: Ich danke meiner Frau Andrea die mir diesen Tierpfleger-Tag geschenkt hat.

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